Boxmatch

Die Zeichen ihrer Wut und ihrer Rache,
Die sie im Anprall aneinander hetzt,
Vermehren sich. Sie keuchen schwer und jetzt
Berinnen sie (ein Dämchen schreit entsetzt)

Wie Brunnenrohre, die ein Riß verletzt,
Und trampeln bäurisch um die rote Lache,
Um nicht zu fallen, während sie sich flache,
Seltene Hiebe geben - schonend schwache.

Da brüllt der Pöbel, und das Zischen fegt
Sie ineinander. Hiebe klappen dumpf,
Die Arme drehn wie Flügel einer Mühle.

Der stemmt den nackten Schädel aus dem Rumpf,
Nach welchem jener schnappt und Schläge schlägt.
Sein Lachen blutet aus dem Sieggefühle.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 28 (10. Juli)

Erschien gemeinsam mit Nächte über Finnland und Schlafende Augen als Drei Gedichte von Paul Boldt

 

 

 

Le matche de boxe

Les signes de vengeance et de furie,
Qui les poussent à l'affrontement,
Augmentent. Ils halètent, maintenant
Dégulinent (une jeune effarouchée crie)

Comme des tuaux de blessures fendillés,
Ils piétinent, lourdement, autour d'une flaque de sang,
Et s'assènent pour ne pas tomber
Des coups étudiés, délibérément lents.

Mais la populace hurle, et le huées les poussent l'un
Dans l'autre. Comme les ailes d'un moulin
Les bras tournoient. Les coups claquent sourdement.

L'un projette son crâne tel une pogne
Que l'autre happe; les poings cognent.
Son rire saigne, triomphant.

 
© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)

Schlafende Augen

Die Nerven kräuseln
Feinhäutig geschlossene Frauenlider.
Wie sanfte Winde säuseln
In erloschenen Lustseen
Stimmen, die unserm Blut die Liebe gab.

Wie in rauchende Meere
Tauchten unsere Blicke ein.
Wie rote, strotzende Heere,
Trunken von Wein,
Rollten die Augen ins Leere,
In rot flammenden Rausch und Schein.

Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 28 (10. Juli)

 

 

Kornfelder

Kornfelder fühlen
Die Wolken wie Mäherschritt,
Die toll gehn und kühlen,
Wenn Glutangst näher schritt.

In weißer Erregung
Schwanken die Raden.
Der Roggen Bewegung,
Wo die Winde baden.

Die Ähren empfingen
Tode statt Lohne.
Es stirbt ein Singen
Im blühenden Mohne:

Wir wollen wallen,
In Schmerzen verlorne;
Und werden fallen,
Opfer erkorne.

Wir tragen Gewande,
Aus Sonne gesteppt,
Und werden im Lande
Zum Blutstuhl geschleppt.

Wir neigen die zarten
Mädchenhälse
Männern, den harten,
Auf grauem Felse.

Die Schwäne erzählen
Von uns am Nil,
Die kleinen Seelen
Litten zuviel.

In weißer Erregung
Schwanken die Raden.
Der Roggen Bewegung,
Wo die Winde baden.

Wann zog der Mai weg? -
Der wilden Gänse
Gespenstiges Dreieck!
Wie eine Sense!

Kornfelder fühlen
Die Wolken wie Mäherschritt,
Die toll gehn und kühlen,
Wenn Glutangst näherschritt.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 30 (24. Juli)

 

 

Champs de blé

Lesnuages faucheurs fous
Piétinent les champs de blé,
Leur fureur refroidit
Quand la peur de braise approche.

Une excitation blanche
Couche la nielle.
Remous de seigle,
Oú les vents se baignent.

Les épis recevaient
La mort en échange.
Dans les coquelicots en fleur
Un chant se meurt :

Partis en pèlerins
De douleurs éperdus,
Nous tomberons
En victimes élues.

Nous portons l’habit
Surpiqué de soleil,
Et serons sur la plaine
Traînés: à échafaud.

Nous courbons nos tendres
Cous de jeunes filles
Devant la rudesse des hommes
Sur la roche grise.

Les cygnes parlent
De nous au Nile,
Les petites âmes
Connurent le pire.

Une excitation blanche
Couche la nielle.
Remous de seigle,
Oú les vents se baignent.

Le mois de mai depuis quand disparu ? -
Le vol des oies
Triangle fantôme !
Comme une faux !

Les nuages faucheurs fous
Piétinent les champs de blé,
Leur fureur refroidit,
Quand la peur de braise approche.

Sommergarten

Die Vögel sprangen von den Winden auf den Garten
Und fielen auf die hellen Rasenbeete,
Betäubt vom Duft der blühenden Stakete
Am weißen Haus mit vierzehn Rosenarten.

Die gelben Steige, die den Rasen masern,
Kommst du in Weiß, berieselt von den Winden,
Und deine Augen duften noch den Blinden -
Die warmen Blumen an den Nervenfasern.

Freude der Tropen wächst. Im blauen Raum
Zünden die Wolken, leuchtende Phantome.
Und du, in deines Blutes Aura und Arome,

Nimmst Sonne mit - in eine Liebesnacht.
Gleich goldnen Bienen hängt das Licht im Baum,
Das deinen Mund wie eine Frucht benagt.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 33 (14. Aug.)

 

 

Hunger

Die Regen liegen im Getreide, schmatzend.
Tags, nachts zerschlägt der Himmel wie Eidotter.
Der schwarze Sturm schlüpft aus, wie eine Otter,
Das goldne Turmkreuz aus den Wolken kratzend.

Der Hunger spreizt wie eine Vogelscheuche
Die Arme breit aus einem Weizensumpf
Und stelzt ins Dorf, mit dem klappernden Rumpf
Die Schlange lockend aus dem Fluß - die Seuche.

Der Bauer Czeska mit den andern Schalken
Scharren voll Scham erst in der Dämmerung
Die Nachgeburt der Rinder aus dem Dung.

Die Kinder lesen Spinnen von den Balken.
Man stirbt. Man legt die Leichen grün und jung
Wie Heringe in Kalk, wo sie zerwalken.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 38 (18. Sept.)

Erläuterungen:
Czeska. Poln. von czeski: „tschechisch".
Schalken. Von ahd. scale: „Knecht".

 

 

 

Oktobernacht

Schon kam die Erde mit den schönen Bäumen
Dem Winter nah, der alles Grün verschluckt.
Oktober wird, wo uns das Hirn noch juckt
Von überroten, klaren Sonnenträumen.

Wir Planetiden. Dunkelheiten schäumen
Novemberher. Die Erde friert und duckt
Sich vor dem Mond, aus dem ein Leuchten zuckt
Und duftweiß flimmert an den Wolkensäumen.

Der gelbe Herbst, in seinem Mantel aus Regen,
Kommt von den Wäldern, ein befleckter Schlächter.
Laub liegt wie Blut auf sonst besonnten Wegen.

Dann kann es sein, eines der Rinder schreit
Lange zum Mond. Der zuckt und leuchtet matter
Durch laute Bäume in die Dunkelheit.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 39 (25. Sept.)

 

 

 

Auf der Terrasse des Café Josty

Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der Straßentrakte: Trams auf Eisenschienen,
Automobile und den Menschenmüll.

Die Menschen rinnen über den Asphalt,
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
Schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.

Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Und lila Quallen liegen - bunte Öle;

Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen. -
Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,
Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 46 (13. Nov.)

Erläuterungen:
Café Josty. Eines der bekannten Berliner Künstler- und Literatencafés am Potsdamer Platz.

 

A la terrasse du café Josty


Dans un rugissement continu, la place de Potsdam
Transforme en glaciers tous les traits d'avenues :
Avalanches résonnantes de trams,
Véhicules, hommes résidus.

Les humains ruissellent tel des lézards
Véloces, de laborieuses fourmis.
Fronts, mains, regards éblouis
Flottent, taches de lumière, dans une forèt noire.

La nuit, grotte creusée dans la pluie,
Où les chauves-souris battent des ailes blanches
Et de mauves méduses se multiplient,

Flaques d'huile chatoyantes, que les voitures tranchent. –
Nid scintillant le jour, Berlin la nuit nous infeste,
Jailli de la fumée comme le pus d'une peste.
 

 © 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)

 

 

 

Gleich den Tannen . . .

Gleich den Tannen des Waldes
Hat dein Nacken
Einen Duft -
Du Große, Geliebte!

In den blühenden Wiesen,
Wenn der Juni reift,
Baden deine Füße
Und werden geliebt.

Auf deinen Brüsten
Wachsen Opale!
Die glitzern
Im Schnee der Begierde.

Wie Regen
Am Acheron
Fühlt dein Haar der Nackte,
Bronzener Kühle voll.

Deiner Arme Umarmungen,
Sausende Lichtkaskaden,
Trinke ich heißer,
Dunkler Hades.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 48 (27. Nov.)

Erläuterungen:
Acheron. Fluß der Unterwelt.

 

 

 

Belle Amie - -

Meine Arme sind jetzt sehr stark.
Und so erfahren,
Meine Nerven flüstern
Am Rückenmark
Von ihren Haaren; -
Und wieder (lüstern):
Von ihren gelben Haaren - -


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 2 (8. Jan)

 

 

 

Hinrichtung 1913

Er heult im Dunkeln. Horch! - - Sie kommen. Hui!
Er schwirrt hervor wie eine Fledermaus
Gegen die Wände. Fort! Er will heraus; -
Der Geistliche beginnt: „Ich bitte Sie" - -

Er sitzt, rutscht wie ein Affe auf dem Steiß
Zwischen den Pfaffen durch; der fällt zusammen.
Aber die Wärter greifen ihn, die strammen
Geübten Männer schnaufen voller Schweiß.

Sie trugen ihn. Er ließ Urin, er riß
Die Hände los zum Schutz an seinen Hals.
Er schnatterte, er sah nichts weiter als

Den Herrn im Frack: ta-ta-ta-ta-ta-tattt!
Die Zunge hobelte noch Wortsalat,
Als ihr das Beil wild durch die Wurzel biß.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 7 (12. Feb.)

 

 

Exécution 1913

Écoute ! –  – ils  arrivent ! Il hurle l'obscurité.
Aïe ! Il volette comme une chauve-souris
Contre les murs. Vite ! Hors d'ici !
« Je vous en prie ... » commence le curé.

Il est assis puis comme un singe glisse
D'entre le curaillon sur son train.
Mais les robustes matons entraînés, non en vain,
Haletants et baignés de sueur, le saisissent.

On l'emmena. Il ne retint l'urine,
Libère ses mains pour protéger son cou.
Il criaille et ne voit que l'homme dans son frac :

Sa langue battait la breloque :Tac   tac   tac !
Elle cafouillait encore quand d'un coup
Sauvagement la hache mordit la racine.
 

© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)

Vorfrühlingshimmel

Blätter wollen im Winde fliegen,
Winde die Chaussee begleiten,
Wolken sich auf Winden wiegen,
Taumelnde Beschwerlichkeiten. -

Und ich komme, seltsam kühn,
Und als ob ich nicht Ich wäre,
Aus den Winden, Avenuen,
Mehr in das Imaginäre.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 9 (28. Feb.)

 

 

 

Lektüre

Schwer wird‘s zu lachen und nicht auszuspein,
Weil alle Herzen pökeln in den Brüsten.
Ach, ich will Galle haben! Ich will mich entrüsten!
Schmeißt doch die Dichterschädel ein!

Zech, Bab, Lissauer - macht doch ein Pogrom!
Schleift doch ein Messer für die fetten Gurgeln!
Gott schenke sie doch den Chirurgeln
Mit einem Kehlkopfkarzinom.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 16 (16. April)

Erläuterungen:
Zech, Bab, Lissauer.  Paul Zech (1881 - 1946),
Julius Bab (1880 - 1955) und Ernst Lissauer (1882 - 1937), Schriftsteller mit ausgeprägten Hang zum Patriotismus.

 

 

 

Amor und Mors

Die Liebenden am Abend in Berlin!
Wir liebten junge Mädchen nach Gewicht!'
Elf Dutzend Pfund! Sie radebrechten: „Nicht",
Umarmten uns und stießen mit den Knien!

Unser Geschlecht berauscht die Jungfraun! Schrien
Nicht alle gleich? - Ach, dieser Lärmkehricht'
Deflorationen ist erinnerungschlicht
Verschollen wie Quartaneronanien. -

Wir mästen unser Lachen. In den Städten,
Des Todes sehr rentablen Fleischerein,
Arbeiten Dirnen, Ärzte; sie entgräten

Die Luesleichen für den Schlund des Grabes,
Tod, stellst du keinen Liebesdichter ein?
Wir machen Propaganda für die Tabes.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 18 (30. April)

Erläuterungen:
Lues. lat. „Seuche", hier:  Syphilis.
Tabes. Auch tabes dorsalis, aus lat. „Rückenmarkschwindsucht", ein etwa  9 Jahre nach Ansteckung auftretendes Krankheitsbild der Syphilis.

 

 

 

Andere Jüdin (2)

Dein Nacken sonnte meiner Arme Pflanzen,
Kann ich verstehen, daß du sie verdorrst!
Die Sonne kommt im Frühling in den Forst,
Gibst du mir Winter, diesen einen ganzen?

Der Wind ist weiß und in den Gärten grün.
Den Birken kriechen Blüten aus der Rinde. -
Bewehe mich! Laß doch in deinem Winde
Auf meinen Nervenfeldern Verse blühn!


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 23 (4. Juni)

 

 

 

Der Primäraffekt

Jemand, den Kopf in Mädchenknien, sagt:
Daß deine Schenkel früher zu mir kamen.
Wie Krähen fraßen Huren mich Einsamen.
Immer war Winter. Ich bin angenagt!

Dein roter Mund, ein Nest voll weißer Küsse,
Ist unerreichbar nah. Du bist so keusch.
In meinem Herzen da ist ein Geräusch,
Als ob es röchle und ersticken müsse.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 27 (5. Juli)

Erläuterungen:
Primäraffekt. Krankheitsmerkmal der Syphilis. Tritt nach etwa drei bis vier Wochen nach erfolgter Ansteckung an der Infektionstelle auf.

 

 

 

Lyrik

Wie Wellen fallen, wollen wir es halten,
Die ewig springen mit Elan ans Land.
Zwecklos. So sollen immer überrannt
Die dumpfen Dinge sich nach uns gestalten.

Hasse die Unkunst aller Atemalten!
Gebäre Verse - Schreie, nervgespannt!
Laß Worte anglühn in der Reime Brand
Und dunkeln von Gefühl, wenn sie erkalten.

Schreib kräftig, grade; gib dem Worte viel,
Dem Vers die Worte wie der Brücke Joche.
Die runde Zahl der Tage ist die Woche!

Arbeite und forciere deinen Stil!
Bete zu Nietzsche! Spanne dich mit Verven
Des Croisset-Christus, Jesus unsrer Nerven.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 36 (6. Sept.)

Erläuterungen:
Croisset. Stadt bei Rouen.

 

 

 

Die Reise

In diesem Herbst, der nicht mehr wärmt, ist Trauer.
Seit aller Vogelflug nach Süden schwärmte
Und Liebe sich um ihr Geliebtes härmte,
Schüttet die Nacht unnennbare Schauer

Über den Weg, den ich zu gehen wähnte.
Ach, Kreuzweg kam! Ach, Kreuzweg! Ungenauer
Sieht mein Gesicht. Ins Auge nebelgrauer
Stach Bitternis so, bis es tränte, tränte.

Wie schritt ich eigenmächtig in die Ferne.
Die Tage brannten magisch an den Händen.
Es lullte mich. Ich trug die Träume gerne,

Und als Verdienst erschien ein Abenteuer. - -
Die Straße hält auf diesem schwarzen Sterne;
Gestrüpp von Nächten. Schmutz ist im Gelände.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 39 (27. Sept.)

 

 

 

Instgarten

Er wird vom krähngefleckten Sturm geplagt.
Das Rudel Sonnenblumen bleibt idiotisch
Im schwarzen Regen, der chaotisch
Zernebelnd Apfelbäume jagt.

In deiner Nähe säugt
Die Ebene
Melancholien, starrgeäugt.
Ein böser Blick verseucht
Dir jede Glücksidee.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 41 (11. Okt.)

Erläuterungen:
Instgarten. Instleute sind landwirtschaftliche Angestellte ohne
eigenen Grundbesitz.

 

 

 

Abendwald

Jetzt hat der Wald den Blutbrand.
Erschreckte Sterne fliegen auf;
Aus vogelblauem Brutland
Und von des Horizontes Lauf.

Entzückungen. Nicht eine Kiefer knistert.
Zum Farbenwalde schleicht das Licht hinaus.
Und Stern und Stern fliegt liebevoll verschwistert
Gleich Märchenschwänen an den See des Blaus.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 47 (22. Nov.)

 

 

 

Der Frauentod

Der Tod umarmt mich in den warmen Frauen.
Beischlaf erregt, zersetzt die Moleküle.
Ich wandre durch Provinzen der Gefühle
Der Freude ab und komme in das Grauen.

Dich, Dirne, macht die Nacktheit antlitzschön.
Heiliges Fleisch steht auf den Knien im Haar.
Ich liege bei dir, lächelnd, am Altar,
Dem Tod entrückt auf deiner Brüste Höhen.

Aber nach Umarmungen, nach allem
Durchscheinen jedes Fleisch die hellen Knochen.
Die Muskeln schimmern am Skelett, zerfallen.

Ich sterbe. Niemand hat zu mir gesprochen.
Irrsinnig lasse ich mich sagen, lallen,
Und fühle dich vor Blut und Brüsten kochen.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 4, Jg. 1914, Nr. 1 (3. Jan)

 

 

La mort-femme

La mort m'enlace dans les femmes ardentes.
L'accouplement dissout les cellules violemment.
Je parcours des provinces de sentiments
Joyeux et tombe dans l'épouvante.

La nudité te rend belle, tout visage, catin.
Chair sainte à genoux dans la chevelure.
Je reste au pied de ton autel, tout sourire,
Échappé de la mort au sommet de tes seins.

Mais après l'étreinte, toute chair
Enfin, laisse transparaître les os clairs,
Les muscles luisent sur le squelette, désagrégés.

Je meurs, personne ne m'a parlé. Rien.
Égaré, je laisse les mots sortir de moi, me balbutier,
Et je te sens écumer de sang, de seins.


© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)

Der Dichter

Die Antlitzlast auf seinen Schädelknochen,
Wie ein Museum, und die Schmerzen hängen,
In großen Augen, blicklos und gebrochen,
Und in dem Mund, verzerrt von den Gesängen.

Es kommt heraus, Dunkles des Blutes, quillt.
Er wird wahnsinnig aus Liebhaberei.
Sein Mund geht lüstern auf. Er lächelt wild.
Hinter die Zähne bergend seinen Schrei.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 4, Jg. 1914, Nr. 5 (31. Jan.)

 

 

Le poète

Tout le poids du visage comme un musèe
Sur la boîte crânienne, et la douleur pend
Dans de grands yeux sans regard, brisés,
Et dans la bouche tordue par les chants.

Enfin il sourd du sang, le jet obscur,
De passion il devient dément.
Sa bouche grimace de volupté. Sourire
Sauvage, il cache son cri derrière ses dents.
 

© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)
 

Auf der Chaiselongue

Wir haben nicht der Sonne Sympathien.
Und man verspricht sich zwecklos in Gebeten.
Die Negerin, das Pferd und den Ästheten
Frißt Erde auf. Sie können nicht entfliehn.

Gott ist der Freund der Bäume und der Sterne.
Im Hochgebirge wilde Tannen schreien.
Orion hängt über dem All im Freien.
Monumental. Maßlos. In tauber Ferne.

Im Hirn Gelächter. Ich sprach: die Freiheit!! -
Das Weib ist populär. Der Koitus.
Das wadenwarme Bett. Man friert und freit. -

Gefüllt mit Zähnen ist zuletzt der Kuß. -
Komm du doch, Freund, verkürze mir die Zeit,
Mein fröhlich lärmender Revolverschuß.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 4, Jg. 1914, Nr. 9 (28. Feb.)

 

 

 

Abend am Kanal

In weißen Wegen ziehn
Die Reiter in die Stadt,
Die lichtergelb bespien
Den blauen Abend hat.

Die Linden haben Trauer,
und ineinander lehnen,
Vom Haar bewachsen, grauer
Die Birkenmagdalenen.

Das Gas beginnt zu fisteln,
Sehr zart sich zu belauben,
Als blühten große Disteln,
Die auf das Wasser stauben.

Die Wellen werden nickeln.
Die Kähne im Kanal
Frieren beglänzt und wickeln
Sich in der Winde Shawl.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 4, Jg. 1914, Nr. 15 (11. April)

 

 

 

Der Spaziergänger

Die Vegetation da ist nicht eine Tote.
Die Wälderinnen stehen warm und glatt.
Die Straße nimmt das kleine Häuserrote
Der Ebene in eine bleiche Stadt

Und steigt. Ebenen schweben ohne Ende.
Das Auge herrscht über die Grüns und Blaus.
Himmelumblasen schwenkt das Blut die Hände.
Das Herz, erstaunt, bricht in ein Lachen aus.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 4, Jg. 1914, Nr. 23 (6. Juni)

 

 

 

In der Natur

Über die Erde wehen Farbenböen,
Ein Schwarm von Feldern, der sich niederläßt.
Die Morgen gehen über: Ost bis West
Sausen die Farben. Erde blüht sich schön.

Zwischen den Sommer drängt und drängt Geschick.
Ob Roggenherden schmerzfrei galoppieren?
Die Schwester Muskel kommt, berauscht von Tieren,
Voller Tierschritte, das Geschlecht im Blick.

Den Mund voll Sonne, Hände sind Blutfetzen.
Man merkt es: man ist innen nasses Blut.
Die Frauen trocknen nicht das Herz für jeden.

Bis in die Zehen krümmt sich eine Wut
Zu reden: DU zu schaffen in den Sätzen
Eine der Felderbestien anzureden!


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 4, Jg. 1914, Nr. 31 (1. Aug.)

 

 

 

Literaturcafé

Wortwarenladen, wo es gurrt und murrt:
Des Hauses Echo, das hier Ego schreit:
Der Literat oder die Eitelkeit:
Das fürbaß schwatzende Gehirn Hans Wurst.

Es redet stets und muß beisammen sitzen.
Ist hier einer, der Zorn empfand und schrie!
Ihr richtet lieber Worte ab zu Witzen
Und äfft die Hölle mit Analgesie.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 4, Jg. 1914, Nr. 34/35 (29. Aug.)

Erläuterungen:
Analgesie. Schmerzlosigkeit.

 

 

Café Littéraire

Ça gronde, ça roucoule, dans la boutique à paroles :
Il crie « Ego ! », l'écho de la maison ;
L'homme de lettres ou la prétention :
Cet inlassable verbiage du cerveau guignol.

Ça se rassemble, ça raconte toujours.
Y en a-t-il aucun pour crier, ressentir la colère !
Vous aimez mieux dompter ein blagues les discours,
Mais avec des sédatifs vous singez l'enfer.


© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)

Vor dem Winter

In Landschaft mit dem armen schwarzen Klee
Krümmt sich der Schnellzug an den hellen Schienen.
Da fährt das Frauenantlitz im Coupé.
Vom schnellen Sonnenuntergang beschienen.

Bäume passierend, redend. Es wird Wind.
Der Himmel jagt die Ebene zu Ende.
Man hat das Häuserne und fühlt sich blind,
Der kleine Tag weint in die hellen Hände.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 4, Jg. 1914, Nr. 48/49 (5. Dez.)

 

 

 

Wir Dichter

Wie Einsamkeit das Ich im Auge dämmt.
Du ist nicht feil, und Du beginnt zu fehlen.
Geh durch die Menge, um Lächeln zu stehlen,
Verbrauche deine Küsse ungehemmt -:

Ein Schrei wärmt dir den Leib! Zu sehr allein.
Es gibt nur dies, unser Blut-Hoch und Ja,
Unsere Kunst, das Labsal anima!
Das Herz bewegt sich in das Wort herein.

Von den Stummheiten sollen wir aufbrechen!
Nicht nur anjahren in der Existenz.
Von Antlitzfrauen aufreizend umschwiegen

Werden wir jetzt, einmal und wenigstens,
Die Herzensröte an den Lippen kriegen.
Unseren Dialekt des Menschen sprechen.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 4, Jg. 1914, Nr. 50/52 (24. Dez.)

 

 

Nous les poètes

Solitude, comme elle emmure dans l'oeil le moi.
Tu n'es pas vénal et tu te retires.
Va à travers la foule voler des sourires,
Épuise tes baisers sans embarras – :

Un cri te brûle le corps ! Seul, trop.
Il n'y a que notre sang et ses vivats,
Les délices de notre art, cette anima !
Le cœur se meut à l'intérieur du mot.

De nos mutismes nous devons nous départir !
En existant ne pas seulement vieillir.
Encerclés de femmes-visages qui se taisent,

Maintenant et une fois au moins à notre aise
Nos lèvres porteront la couleur du coeur : carmin
Et parleront notre dialecte humain.


© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)

Bevor

Wir haben unsere Anatomie
In einen Raum gestellt auf Teppichrot.
Hängende Hände. Und von Atemnot
Gedrehte Schädel fliehen sie.

Wir zeigen uns dem Laster. Die Hautflächen
Blutschimmernd, Helles atmend und verfeinert.
Ein Hengsterennen hundertfach verkleinert.
Die Nackenden beschäumt von Muskelbächen,

Daß wir aus uns ein Floß zusammenbänden,
Umarmt umarmend schwömmen auf dem Blut!
Berühre mich mit deinen Herzbluthänden!

Daß wir uns heilend in dem Fleische wüschen,
Kußnackt und leise lägen, ausgeruht,
Wie Mond und Wasser in den Weidenbüschen.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 5, Jg. 1915, Nr. 7/8 (13. Feb.)


Als Sammeltitel “Drei Gedichte” zusammen mit Szene und Monogamie veröffentlicht.

 

 

 

Szene

Dein Hinterkopf ist Haar auf meiner Hand.
Und in dein kleines Antlitz wärmt die Lunge.
Leg deine junge Hand in meine junge,
Pflanze die Zähne in das Lippenland.

Entkleidet bist du noch nicht nackt genug.
Schenk deine Fußsohlen ins Lampenlicht!
Das fremde Zimmer geht aus dem Gesicht.
Wir küssen uns vor einem roten Tuch.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 5, Jg. 1915, Nr. 7/8 (13. Feb.)
 

Als Sammeltitel “Drei Gedichte” zusammen mit Bevor und Monogamie veröffentlicht.

 

 

 

Monogamie

Fleisch. Es bewegt sich mit Blutschatten,
Und es versickert in zehn Tropfen Zehen.
Laß dich von meinen Seelenaugen sehen!
Sag etwas! Gattin, nenn mich deinen Gatten.

Die Küsse schlagen mich! Etwas Allmacht
Ist doch in den Anhäufungen von Armen.
Wie Kameraden liegen wir im warmen
Biwak der Herzen diese Fleischesnacht.

Wenn mir der Morgen in die Haare saust,
Schläfst du bei mir vom Mund bis an die Zehen.
Wir sind gottlos. Nur unser Herz verehrend.

Ein Löwenpaar, das unter Sternen haust.
Einer des andern große Stärke mehrend.
Wir sterben nicht. Das kann uns nicht geschehen.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 5, Jg. 1915, Nr. 7/8 (13. Feb.)
 

Als Sammeltitel “Drei Gedichte” zusammen mit Szene und Bevor veröffentlicht.

 

 

Monogamie

Chair. Elle se meut d'ombres vermeilles
Et s'infiltre en dix gouttes d'orteils.
Laisse-toi regarder par l'œil de mon âme !
Dis quelque chose ! Appelle-moi homme, ma femme.

Les baisers me frappent ! Quelque puissance surnaturelle
Doit bien exister dans les bras qui se rassemblent.
Dans le chaud bivouac des cœurs nous reposons ensemble
Comme des camarades dans cette nuit charnelle.

Quand, sifflant dans mes cheveux, le matin s'amorce,
Tu dors de la bouche aux orteils, tout près.
Nous, mécréants, vénérons seulement le cœur.

Un couple de lions accroissant leurs forces
L'un l'autre. Sous les étoiles est leur demeure.
Nous ne mourrons pas. Cela ne pourra nous arriver jamais
 

© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)

Stadt

Unsere Stadt ist gar nicht absolut.
In die roten, gefleckten Wolkenmassen
Sinken die Häuser abends wie zerlassen.
Voller Detail. Straßen und Lampenflut.

Behändetes Café voll Köpfen kocht.
Im Rock aus Schrei steht Litfaßsäule steif.
Wind fliegt vorbei als dunkler Pferdeschweif.
Und Hurenlächeln brennt am Kleiderdocht.

Tagestrottoir beschreiten dunkel Träger.
Kleider mit alten Flecken roten Munds.
Antlitz, auf Hirn gefaltet, friert blutlos.

Ach: nahten reicherblutig Wälder uns
Der Stadt entschritten! Und wärmend und bloß
Himmel der Farbige, der blaue Neger.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 5, Jg. 1915, Nr. 14/15 (3. April)

 

 

 

Das stumme Land

Das Land liegt zwischen Strömen an den Seen.
Im Winde fiebernd, brandig von Morästen.
Hier wächst der Wald. Es nisten in den Ästen
Die alten Vögel, Völker großer Krähn.

In hellem Abend wandern die Chausseen
Nach Süden aus, und andere nach Westen,
Und sehn auf erzen-hellen Wälderresten
Die Sonne rot in die Schneeberge gehn.

Im stummen Lande wohnt die Menschenrasse
Brutaler Leute, Jähzorn im Geblüt.
Wie Tiere lachen würden, tritt der krasse

Kiefer heraus, um einen Biß bemüht.
Jeder Gewöhnliche erhält die Masse.
Sie lieben Krieg, Tierfang und das Gestüt.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 5, Jg. 1915, Nr. 16/17 (17. April)

 

 

 

Ausflug

In Sommerkleidern, leicht den Kopf geschwungen
Über die Erde, gehen die ihr Treusten.
Himmel umfliegt vor zarten Fingerfäusten,
Ein altes Gas, und säugt Blumen, Tierlungen.

Drei Kleidertiere. Das Jungbäumepack.
Sechs Ärmelbüschel voller Fingerbeeren.
Die Zehen sind, als ob sie Raupen wären,
Geworden. Und das Auge blaut im Tag.

Die Bäume grünen einen hellen Garten.
Ah, Baum! Ah, Fanatismus: wachsen, grünen!
Totes wegschmeißen wie das Meer die Dünen!
Und bluthaft werden, meerhaft nie entarten!

Der Herzschlag ächzt. Frau F . . . lächelt erfrischend.
Ein Herzgewölk bleibt auf den Zähnen stehen.
Das Blut liegt zitternd zwischen Kopf und Zehen.
Ohren und Lippen in die Sonne mischend.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 5, Jg. 1915, Nr. 22/23 (29. Mai)

 

 

 

Das Bad des Blinden

Irgendwo vergeht Berlin.
Da nimmt die Sonne seine Hände.
Die Linden bleiben grün um ihn -
Er riecht: im Winde duften Brände.

Blaßrosa, seine Lippen fühlen
Das kühle Schwarz des Flusses, Flusses,
Er schmeckt, wie die Vokale kühlen,
Und den nervösen See des Kusses.

Ein Mädchen, nackt, hat ihn geküßt
Und zieht ihn in die blauen Wellen.
Er zuckt und schreit, vom Licht durchsüßt:
Die Wellen! oh - die roten Wellen!


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 5, Jg. 1915, Nr. 29/30 (24. Juli)

 

 

 

Frauen in den Straßen

Die Schenkelschweife an den Rippen.
Kopfhaft und wie ein Kuß gebaut,
Gleitest du dunkle Unterhaut
Seele: du Blutgestalt mit Lippen.

Der Tag voll Nase, Auge, Zopf
Hat die Magie, mich zu verwirren.
Schönheit zerreißt uns an der Stirn.
- Seele küsse mich an den Kopf!

Die Hände, deine Geberinnen,
Ein Erdlachen oder den Schrei.
Ich habe deiner Hände zwei
Verschluckt, oder du machst mich innen.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 5, Jg. 1915, Nr. 39/40 (25. Sept.)

 

 

 

Frauenfeuer

Die Frauenfeuer, so strahlende Augen.
Das Ornament der Schädel ist symmetrisch.
Das Auge vor dem Hirn blinzelt verrätrisch:
Schön ist das Fleisch beleuchtet von den Augen.

Im Jahresdurst. Kein Schrei verläßt das Hirn.
Auf unsern Lippen stumm leuchten sie nackend.
Der Mann stürzt vorwärts mit den Armen packend.
Sein Antlitz krümmt der Schmerz in einen Stern

Aus strengem Licht. Sie aber haben Charme.
Wie Nackende das Lächeln anbehält,
So daß es ihr über die Brüste fällt.

Und folterkräftig ist die Nackte warm
Neben den armen Nackenden gestellt.
Die Fingerglut des Nackten an dem Arm.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 5, Jg. 1915, Nr. 45/46 (6. Nov.)

 

 

 

Freundin Hörerin

Die Gegenwart der Nacht macht alles schlimmer.
Die Phantasien der Lust entlaufen schnöde,
Die Uhr schreit häßlich in der Herzeinöde,
Ins Zimmer fliegen die früheren Zimmer.

Unter die Stirne flieht die Gliederherde.
Im Mund weißkleinen Zähnelichtes schreit es,
Und Schrecken wächst im Antlitz wie ein zweites:
Ach, ach, es friert über mich hin aus Erde.

Und das Bewußtsein glaubt noch nicht einmal
Der chemischen Erlösung von dem Leide.
Das Antlitz abgestreift an eine Weide,
Mit Felderarmen liegen wir im Tal.

Ich mußte haltlos altern aus der Jugend
In dieser weißen, häuserigen Stadt.
Auf krummem Himmel frei zu stehen matt,
Den Schädel in die Martermauern fugend.

Im Himmelsgrund voll Schatten, Wind und Straße
Erscheinen wir, die sich bewegend tun.
Aus Augen fliegt über den dunklen Schuhn
Der Regenbogen durch die Antlitzmasse.

Antlitze kommen auf in dem Tierhaar,
Die Einzelaugen an die meinen spülend.
Und ein Gesicht, Auswuchs der Seele, fühlend
Einschwebte Stirn zur Stirne, scheues Paar.

Wir arbeiten. Mich freut es, dich zu sehn
Freundinnenlippenrot, anthropomorph.
Wir bauen in die Stadt uns kleines Dorf
Schädelblut-Häuser und Arme-Alleen.

Das Herz geht in den Händen hin und her.
Die Augen füllen sich an einem Strahl,
Mit Bäumebildern, Städten an dem Meer.
Der Strahl ist aus der Sonne, Tag geheißen.


Erstveröffentlichung:en

  • Die weißen Blätter. Bd. 3, Jg. 1916, II. Quartal (April), S. 76-77
  • Die Aktion Bd. 5, Jg. 1915, Nr. 7/8 (13. Feb.)

 

 

 

Badende Mädchen

Einmal gezeugt. Aus Haar und Zehenspitze
Fliegen die Rücken, Knie, Bäuche, Nacken.
Und händchengroß entfliegen rote Backen.
Der Antlitzstern zerfliegt in Handantlitze.

Zu der Figur flattern hinaus Neufrauen.
Das Licht zerstreut Bauch-Bild und Brüstefältchen.
Im Sand beisammen leuchtet Muskelwäldchen,
Zopf-Zoppot, jung mit Näbeln, Kinn, mit Brauen.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 6, Jg. 1916, Nr. 47/48 (25. Nov.)
 

Erläuterungen:
Zoppot.  mondänes Ostseebad,  heute: Sopot.

 

 

Les baigneuses de Zoppot
 
Conçues un jour. De cheveux et d'orteils
Les dos volent, ventres, nuques, genoux.
Et pareilles à de petites mains s'envolent des joues,
Visages-étoiles se dissipent en visages-mains vermeils.

Des femmes neuves se joignent voletantes à la composition,
La lumière disperse de petits plis de seins, de ventres-images.
Un petit bois de muscles scintille sur la plage.
Jeune Zoppot-tresse, de nombrils, de sourcils, de mentons.


© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)
 

Die Sprecher

Mundmann, du Sprecher vor dem Röchel-Ende:
Das Boot in Händen, ruderfingerkraus,
Wir machten auf dem Meere Fische aus.
- Und nun rahmen mich ein Zehen und Hände.

Ichbild, der Muskel, knittert als Zwangsjacke.
An Nervenschauern bin ich fast erstickt.
Ein Raumräuber, der vor dem All erschrickt:
Im Tischgesicht, im Bratfisch, im Geschmacke.

Los-wehen wird Ich: hirnher nach hirndort,
In Ohren-Rosen sinken vom Ichzwinger.
Im Häutereiz wimmeln nicht mehr Sprachfinger.
Der Mischling Mensch probiert herber das Wort.

Und lossprechen die Munde der Bekenner.
Heraus, was da ist: soviel Herz für Frankreich.
Einen Gedanken schreien alle klangreich:
Es gibt die vielen totgeschossenen Männer!


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 7, Jg. 1917, Nr. 26 (30. Juni)

 

 

Les porte-parole

Toi, homme-bouche avant le dernier râle :
La barque en mains, les doigts fermés sur les rames,
Nous avions vu des poissons dans la mer
Et maintenant des orteils et des mains m'enserrent.

Un muscle-camisole, de moi l'image.
J'ai failli suffoquer de frissons de nerfs.
Un voleur d'espace qui s'effraie de l'univers :
Dans le poisson frit, dans le goût, de la table le visage.

Le moi s'échappera, cerveau par-ci, cerveau
Par-là, de sa prison aux roses d'ouïes.
Les doigts du verbe ne fourmillent plus  sur les charmes de la
peau.
Il teste plus âprement le mot, l'homme métis.

Et elles absolvent, les bouches des croyants.
Que sorte ce qui est là : Tant de coeur pour la France.
Ensemble tous hurlent ce qu'ils pensent :
Tant d'hommes abattus combattants !


© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)

 

Der Leib

Blut trägt die Antlitze, wie Wasser trägt.
Das Antlitz hat die Ohren an dem Hals.
Das Antlitz-Rad hat von dem Schwung des Alls
Die Ohren rauschend, die das Blut aufschlägt.

Ein Kopf voll Glieder bin ich nicht entmischt:
Den Nasenteil der Form und den Teilarm
Im Schädelsack bei dem Subjektenschwarm.
Zum Arm hinaus im Hirne hängt die Hand.

Gott ließ das Meer rauschend in Wellen liegen.
Ich ward gevierteilt und Höllendetail.
Auf einem Auge, einer Wange geil:
Das Hirn wirft einen Mund auf: Gnade! Gnade!

O fingeriger, roter Ich-Zufall.
Ich, das die Zähnedistel so behäutet:
Ich, das der Mund, Altnase so bedeutet:
Das steigt herab. Das will herab ins All.


Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 8, Jg. 1918, Nr. 31/32 (10. Aug)

 

 

 

Poèmes de Paul Boldt en traduction française 
par Eberhard Scheiffele

Monsieur Scheiffele vous serait reconnaissant de lui envoyer vos suggestions pour ame(accent)liorer les traductions.
Soyez libre d’envoyer un
mail à M. Scheiffele. Merci.
 

Eberhard Scheiffele ist Autor des 2005 im Iudicium-Verlag erschienenen Dramas
“Ausrufung des Jahres Null”

© 2005-09 Eberhard Scheiffele (Traductions des poèmes de Paul Boldt)
Texte mit freundlicher Genehmigung von Eberhard Scheiffele.